Die geschundene Seele. Die Geschichte der Marie Fuchs (4)

 Leseprobe:

Prolog:

Offenbacher Stadtkrankenhaus, Juni 1901

Das Licht im Krankenhausflur flackerte nervös. So wie sein Herz. Schnellen Schrittes hangelte er sich von Tür zu Tür und kam der letzten immer näher. Es roch nach Desinfektionsmitteln und Ammoniak. Alles hier erschien ihm unwirklich, absurd. Es konnte nicht sein, dass sein Sohn hier lag. Gestern Morgen noch hatte er voller Pläne gesteckt und jetzt … Jetzt lag er hier. Einbandagiert von Kopf bis Fuß. Das Gesicht aufgedunsen, blau von Hämatomen, das eine Auge blutunterlaufen. Würde er je wieder ein normales Leben führen können? Wenn Gott ihn am Leben erhielt?

Der Vater blickte kurz nach oben zum Himmel, zum Gottvater. Doch der Himmel bestand hier aus grauem Beton. Dennoch faltete er die Hände und schickte ein stumm gemurmeltes Gebet hinauf. Im letzten Moment wich er einer Frau aus, die ihm entgegenkam. Er hatte sie gar nicht wahrgenommen, nur kurz gespürt, dass ein dunkler langer Rock beinahe seine Beine gestreift hätte. Schließlich nahm er eine kleine Biegung und stand vor der Zimmertür.

Mit klopfendem Herzen trat er ein. Acht Betten gab es hier. Acht Bettgestelle, in jedem Bett ein anderes Schicksal. Und doch verband sie eines: kaum Aussicht auf Heilung.

Der Vater drehte sich nach links, zum ersten Bett. Es war das einzige, das ihn interessierte.

»Wie geht es ihm?« Sein Blick glitt von dem Einbandagierten zur Krankenschwester, die gerade die Bettdecke zurechtrückte.

Sie gönnte ihm nur einen kurzen Blick, dann senkte sie den Kopf. »Ich lasse Sie jetzt allein«, waren ihre Worte, bevor sie nach draußen huschte.

Seine Frau saß in der Ecke auf einem Stuhl und knetete ein Taschentuch. Auf ihrem Schoß lag die Bibel. Sicherlich hatte sie schon Dutzende Gegrüßet-seist-du-Marias zum Herrgott geschickt. Er atmete tief durch und nahm die Hand seines Sohnes. Kraftlos lag sie in seiner. Liebevoll strich er mit dem Daumen über den Handrücken und er bildete sich ein, dass sein Sohn ihm ein Lächeln schenkte. Schließlich griff der Vater nach der Stuhllehne eines alten hölzernen Stuhls. Er war gerade im Begriff, sich zu setzen, als er bemerkte, dass sein Sohn die Lippen bewegte. Schnell beugte er sich über ihn. Kein einziges Wort wollte er verpassen. Kein einziges Wort. Denn vielleicht waren es die letzten, so fürchtete er, ohne diesen Gedanken konkret zuzulassen.

Es war nur ein Hauch, der die Lippen seines Sohnes verließ, und doch verstand er den Namen auf Anhieb. Käthe Paulus.

Er versteinerte, die Augen des Vaters wurden zu kleinen Schlitzen. Dennoch fragte er noch einmal nach. »Käthe Paulus? War sie das?« Sein Blick glitt vom bandagierten Kopf zum eingewickelten Brustkorb, der sich noch einmal hob, als müsste die Lunge ihre letzte Kraft sammeln, um ihren Namen noch einmal - auf einem hauchdünnen Luftstrahl getragen - zu wiederholen. Als es getan war, entspannten sich die Lippen des Sohnes, sein Kopf glitt zur Seite, als wollte er den Blick zur Tür werfen.

Doch die Augen hatten ihren Glanz verloren und noch bevor er es richtig begriff, sprang seine Frau bereits auf, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und stürzte auf den Sohn zu. Ihr Wehklagen und ihr Schluchzen sollten ihn noch jahrelang in seinen Träumen verfolgen. Und er stand einfach nur da. Fassungslos.


 

1

Marie hatte die wichtigsten Termine für heute erledigt. Dr. Wegener von der Bank hatte ihr und ihrem Bruder den Kredit für die firmeneigene Radbahn nochmals erhöht. Der säumige Großkunde Glasner hatte im Telefonat mitgeteilt, die Rechnungen alsbald zu bezahlen und die neuesten Bestellungen hatten sie zuversichtlich gestimmt. Nachdem das alles erledigt war, teilte ihr ihre Sekretärin Fräulein Handrup mit, dass Kutscher Gustav bereits mit dem Landauer unten vor dem Fabriktor auf sie warte. Marie schnappte Hut und Jacke und eilte nach unten. Normalerweise nahm sie gern die elektrische Straßenbahn, die ihre Firma hier in Offenbach über Oberrad mit Frankfurt verband. Doch heute hatte sie keine Zeit. So wie auch gestern nicht. In den letzten Tagen ließ sie sich schnellstmöglich von Gustav nach Hause bringen, immer mit dem beklemmenden Gefühl, dass etwas passiert sei, dass ihr Zustand sich verschlechtert haben könnte. Dabei hätte man sie gewiss telefonisch informiert, wenn das der Fall gewesen wäre. Das sagte sie sich selbst immer wieder, während sie in der Kutsche saß und die Häuser und Landschaften an ihr vorbeizogen. Doch die Angst im Herzen blieb.

Als sie zu Hause ankam, eilte sie gleich, nachdem ihr neues Hausmädchen Pauline Sommer ihr die Jacke und den Hut abgenommen hatte, die Treppe hinauf zu Irmis Zimmer. Leise öffnete sie die Zimmertür, auf Zehenspitzen schlich sie zum Kinderbett. Da lag die Kleine, ihr Sonnenschein. Marie atmete auf. Sie schien friedlich zu schlafen. Ganz sacht legte sie die Hand auf die Stirn der Kleinen. Das Fieber war anscheinend gesunken. Die Stirn fühlte sich nicht mehr so heiß an. Kurz hielt die besorgte Mutter den Atem an und horchte, bis das leise Atmen zu ihr herüberdrang. Erleichtert schlich sie zur Tür zurück, schlüpfte hindurch und schloss diese hinter sich. Leise ging sie die Treppe hinab ins Erdgeschoss.  

Im Salon traf sie auf ihre Mutter.

»Guten Tag Mutter.« Marie schloss die Tür. »War Dr. Schlötel da und hat sich Irmchen nochmals angeschaut?«

Wilma Fuchs schaute von der Einladungskarte in ihrer Hand auf und richtete sich ein wenig auf. »Marie«, sprach sie. »Setz dich doch. Möchtest du noch eine Tasse Tee?«

Marie trat näher und setzte sich. »War er da?«

»Aber natürlich war er da«, sagte Wilma, während Pauline Marie eine Tasse Tee eingoss.

»Und was hat er gesagt?«

»Es ist alles in Ordnung. Du brauchst dir überhaupt keine Sorgen zu machen. Das ist nur eine kleine Angina. Wir sollen ihr Kamillentee geben und sie draußen ein wenig spazieren fahren. Frische Luft ist ein Heilmittel für alles, sagt Dr. Schlötel.«

»Gut.« Marie spürte, wie ihre Anspannung ein wenig nachließ und Erleichterung sie warm durchströmte. Sie nahm einen Schluck von ihrem Tee. Dann stand sie auf und schob den Stuhl zurück an den Tisch. Einen Moment hielt sie inne. Schließlich fragte sie: »Ganz sicher keine Diphtherie?«

»Kind, du machst dir wirklich zu viele Sorgen.« Wilma schüttelte den Kopf. »Diese jungen Mütter von heute. Stets überbesorgt. Kinder müssen durch ein paar Krankheiten, sonst werden sie nicht abgehärtet. Nur die Harten kommen in den Garten. Das weißt du doch, Marie.«

Marie blieb stumm. Sie hatte keine Lust mit ihrer Mutter über diese Redensart zu diskutieren. In ihren Augen war jedes Leben schützenswert, egal mit welchen Herausforderungen es auf die Welt gekommen war. Mit einem Seufzer dachte sie daran, dass Irmchen wohl ihre einzige Tochter bleiben würde, zumindest war ihr bisher ein weiterer Nachwuchs versagt geblieben. Und Irmchens Geburt lag nun schon über drei Jahre zurück. »Frida sagt, dass die Diphtheriefälle wieder zugenommen haben«, entgegnete Marie ihrer Mutter schließlich und hätte ihre Worte, kaum dass diese ihren Mund verlassen hatten, am liebsten rückgängig gemacht. Mutter hatte noch nie ein gutes Wort für ihr ehemaliges Hausmädchen übriggehabt.

»Das Träumerchen?«, fragte Wilma nun auch und ließ ein kurzes kehliges Lachen erklingen. »Kind, dass die in einer Traumwelt gefangen ist, das ist jawohl Gesetz.«

Marie wandte sich zur Tür. Kurz drehte sie sich noch einmal um. »Immerhin hat sie es zu einer Polizistengattin gebracht«, sagte sie. »Und ich werde, sobald Irmi aufwacht, einen Spaziergang mit ihr unternehmen.«

»Aber Kind«, Wilma schüttelte den Kopf. »Diese Aufgabe steht doch dem Fräulein Popp zu. Wozu haben wir schließlich ein Kindermädchen eingestellt, wenn du ihr die Aufgaben nimmst? Nicht dass sie uns noch wegen fehlender Tätigkeiten verlässt.« Sie lachte kurz auf.

»Nein, Mutter, ich habe Irmi versprochen, dass ich mich heute Nachmittag um sie kümmere.«

Wilma schüttelte den Kopf. »Bedenke doch, dass das Fräulein Popp sich auch mal mit Irmi draußen zeigen muss. Was sollen die Leute denn denken? Nachher heißt es noch, bei den Fuchsens fehlt das Geld für ein Kindermädchen. Jetzt, nachdem ihr Vaters Werk zerstört habt und nur noch dieser komischen Fahrradidee deines Bruders nachgeht.«

»Mutter, das stimmt doch überhaupt nicht. Und das weißt du. Robert und Jacob führen die Fahrrad-Werke mit großem Erfolg.«

»Das sagt ihr so.« Wilmas Pupillen verengten sich. »Weiß ich, ob das stimmt? Ihr lasst mich ja keinen Blick in die Bücher tätigen.«

»Seit wann interessiert dich das Geschäftliche?«

»Seitdem meine Tochter es sich in den Kopf gesetzt hat, die Werkzeugmaschinen-Fabrik ihres verstorbenen Vaters zu leiten und zu zerstören, indem sie die Produktion von Werkzeugen und Maschinen einstellt und dem kindlichen Wunsch ihres Bruders nachkommt und diese Niederräder in den Hallen ihres Vaters produzieren lässt.«

Marie seufzte. Sie brauchte gar nicht dagegen anzureden und ihrer Mutter zu erklären, dass genau dieser Schritt der richtige gewesen war. Das hatte sie bereits etliche Male erfolglos versucht. Für ihre Mutter blieb es ein Affront gegen ihren Vater, dass sie die Produktionslinie gewechselt hatten. Da konnten sie noch so erfolgreich sein. Und das Schlimme war, dass Marie es manchmal genauso empfand.

»Außerdem dachte ich, du schaust mit mir hier die Einladungen zu den Wohltätigkeitsveranstaltungen durch.« Wilma hob den Zettel in ihrer Hand an. »Baronin von Schwand lädt für den elften ein und Frau Doktor Reimold für den zwanzigsten.«

Marie seufzte erneut. Sie wollte sich gerade zu ihrer Mutter setzen, als sie aus dem oberen Stockwerk ein Husten und ein kindliches Weinen hörte. Sofort eilte sie zur Tür.

»Wir sprechen nachher darüber. Versprochen.« Schon war sie zur Tür hinaus.

*

Sie schob nun bereits seit einer halben Stunde den Kinderwagen mit ihrer dreijährigen Tochter durch den Park. Sie nahm den Korbwagen nur noch selten, doch an zu Fuß an der Hand gehen war bei Irmis Gesundheitszustand nicht zu denken. Das Mädchen schlief und Maries Blick drückte Sorge aus. War wirklich alles in Ordnung mit ihrer Tochter? War es tatsächlich nur ein kleiner Infekt. Eine Mandelentzündung? Dr. Schlötel musste es doch wissen. Er war seit Ewigkeiten der Hausarzt der Familie. Warum nur hatte sie dieses unbestimmte Gefühl, dass er hier bei der Diagnose falsch lag? Lag es an der übertriebenen Angst einer sich sorgenden Mutter? Oder war ihre Sorge berechtigt? Wo war die viele Energie von Klein-Irmi hin? Sie schien durch die Enge ihres Kehlkopfes entschwunden zu sein. Ihr Lachen? Es hatte dem Röcheln Platz gemacht. Warum schlief sie so viel? Aber hieß es nicht auch, dass man sich gesund schlafen solle?

Als wolle Irmi den letzten Gedanken ihrer Mutter Folge leisten, wachte sie jetzt auf, drehte ihren Kopf zu Marie und ließ ein erfreutes »Mami« ertönen.

»Irmchen.« Marie hielt an, beugte sich über den Kinderwagen und ergriff die kleinen Hände, die sich ihr mit einem Lachen entgegenstreckten. Ihr fiel ein Stein vom Herzen. »Geht es dir gut?«, fragte sie.

Irmchen nickte und Marie hob sie aus dem Kinderwagen und presste sie an ihre Brust.

»Hunger«, ließ Irmchen verlauten.

Marie drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Wir gehen schnell nach Hause und dann bekommst du etwas Leckeres.«

Irmi klatschte in die Hände und strahlte und Marie schickte einen Dankesgruß gen Himmel.

Dann begann Irmi zu röcheln und Marie hielt den Atem an.

»Irmi, Irmi«, rief sie lauter und sorgenvoller, als ihr bewusst war.

Am Rande bekam sie mit, wie eine Frau schnellen Schrittes an ihnen vorbeiging. Erst als diese stehen blieb und sich zu ihnen umdrehte, schaute Marie sie an.

»Verzeihung«, sprach die Fremde, »darf ich mal?« Schon stand sie neben ihnen, näherte sich mit ihrem Gesicht dem von Irmi, verzog das Gesicht und bat das Kind, den Mund zu öffnen.

»Diphtherie«, sagte sie und rannte davon. Wahrhaftig, sie rannte. Marie starrte ihr mit offenem Mund hinterher. Kurz drehte die Frau sich nochmals um. »Bringen Sie sie nach Sachsenhausen. Schnell!« Die Frau blickte um sich, als sei sie auf der Flucht. Dann verließ sie den Park und verschwand hinter einer Hauswand.

Marie stand wie erstarrt. Diphtherie? Aber Dr. Schlötel hatte das doch ausgeschlossen. Es war doch nur eine Halsentzündung. Was bildete diese Fremde sich ein? War sie Ärztin? Wie in Trance drückte Marie ihr Kind an sich. Um sie herum ging das Leben weiter und sie stand einfach nur da. Und nahm es nicht wahr. Nicht die Frauen, die hier mit Sonnenschirmen ausgestattet promenierten, nicht die Kinder, die mit Dosen Fußball spielten. Maries Augen wanderten zu ihrem Kind. Irmi, die zum Glück langsam wieder besser Luft bekam, deren Tränen ihre Jacke durchnässten. Doch dann war da plötzlich dieser Mann. Er stürmte an ihr vorbei, seine abgewetzte Anzughose flatterte um seine Beine, sein langer beiger Mantel ebenso. Automatisch zog er Maries Blick auf sich, während sie Irmi zurück in den Kinderwagen legte. Soeben eilte er auf die Hauswand zu, hinter der auch die fremde Frau verschwunden war.

Kurz bevor er hinter der Hausecke in die Seitengasse betrat, zog er etwas aus der Innenseite seines Mantels. Ein Stück Metall blitzte in der Sonne auf. War das ein Messer?

Schnell deckte Marie Irmi zu. Im Laufschritt eilte sie ebenfalls zur Hausecke. Als sie dort in die schmale Gasse blickte, lag diese verlassen da. Unschlüssig blickte Marie in die Tiefe der Gasse. Sollte sie den schmalen Weg wählen? Brauchte die Frau Hilfe? War sie in Gefahr? Einen Moment lang stand sie still. Unentschlossen, ob sie dem Weg folgen sollte.

Ihr Blick glitt zu Irmi. Nein. Sie musste sich um ihre Tochter kümmern. Vielleicht hatte sie sich das mit dem Messer auch nur eingebildet. Oder der Mann hatte das Messer aus einem ganz banalen Grund hervorgezogen. Außerdem: Wer verfolgte schon jemanden auf diese Art am helllichten Tag? Ihre Fantasie ging wohl mit ihr durch.

Sie wendete den Wagen und eilte mit schnellen Schritten nach Hause.


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